№ 8

„Spring Breakers“
Imitationen eines anderen Lebens

Noch bevor die ersten Bilder über die Leinwand flimmern, landet „Spring Breakers“ einen ersten, seinen eigentlichen Coup: Mit Selena Gomez und Vanessa Hudgens hat Regisseur und Autor Harmony Korine gleich zwei Jungaktricen verpflichtet, die ihren bisherigen Ruhm vor allem einem mit der „The Walt Disney Company“ aufgewachsenem Publikum verdanken. Und diesem nun flügge werden oder zynischer: für dieses schlicht zu alt.
Eine Erwartungshaltung, mit der Korine spielt, steht Disney doch auch für ein brav-familienfreundliches Kino, in dem Gut und Böse immer klar zu scheiden sind. Und in dem sich die Gemengelage an Problemen, die die meist heranwachsenden Helden beschäftigen, meist die von privilegierten weißen Töchtern sind. Ob Prinzessinnen oder Popstars: Hannah Montana ist die blasse Superheldenblaupause unserer Zeit. Die ihre geheime Identität vor ihren Fans verbergen muss, weil sonst nur das Allzu-Offensichtliche zu Tage treten könnte: Dass sie ihr minimales Talent zur maximalen Gewinnausschüttung zu Markte trägt. Genau wie ihr minimaltalentierter Vater schon davor. Und wer mit einem solchen nicht gesegnet ist, begnüge sich bitte mit dem hemmungslosen Konsum: Diesen zeigen besagte erste Bilder, die Jugend des Landes, in dem eine halbentblößte Brust während einer Halbzeitpause schon einmal zu einem „Nipplegate“ oder die Sexualpraktiken des Präsidenten vor einem Untersuchungsausschuss diskutiert werden. Sie zeigen diese Jugend mehr als freizügig, promisk und feierfreudig, von Alkohol und Drogen rauschhaft enthemmt an den sonnenverwöhnten Stränden Floridas. Das ist er: der „Spring Break“. Wo man das Korsett des College-Alltags abstreift und diesen vergisst für den Turnus der viel zu kurzen Ferien im Frühling.
Natürlich begnügt sich Korine nicht, diese Bigotterie einfach nur nebeneinander zu stellen, auch wenn „Spring Breakers“ etwa im Vergleich zu „Kids“, zu dem Korine das Drehbuch beisteuerte, fast reißbrettartig wirkt. Was hier nun folgen könnte, wäre der von Miley Cyrus gerade wiederaufgelegte Initiationsritus, der ein reiferes Publikum erschließen soll und so seit Britney Spears demselben (ja auch nur von Madonna wiederum kopierten) Schema folgt: Der zweideutige Flirt des gerade eben noch keuschen Schulmädchens mit ebendiesem erwachseneren Publikum in seiner vorgeblich gerade erwachenden Sexualität. Als ob sexuelle Freizügigkeit per se etwas mit Erwachsenwerden zu tun hätte. „Spring Breakers“ tut gut daran, nicht diese Folie für die bloße Weitervermarktung seiner Stars zu sein, auch wenn auffällt, dass das Disney-Sternchen, deren Stern noch nicht so weit im Absinken begriffen ist, das vierköpfige Ensemble zuerst verlassen darf, verglichen kreuzbrav und ausgerechnet auf den Rollennamen „Faith“ getauft ist.
Auch wenn er hier und da in grelles Neonlicht getaucht sein mag, ist „Spring Breakers“ ein Film über die Schattenseite des amerikanischen Traums. Des white trash, der sich zu bescheiden hat. Oder wie hier, wo er sich dieser Ungleichverteilung von Chancen bewusst wird, zur Tat schreitet: Selbstermächtigung auf eine sehr amerikanische Art, und zwar mit Waffengewalt. Dass diese zunächst aus Plastik sind und die Mädchenclique sich, statt „We rob banks.“ zu skandalieren, auf das Abziehen von Fast-Food-Restaurants festlegt hat, um sich ihre gemeinsamen Ferien leisten zu können, kann man dann fast genial finden. Andererseits zeigt dies vielleicht auch die geringe Fallhöhe an, auf der sich Korine und seine Schauspieler nur mehr bewegen. Auch wenn James Franco als hinzutretendes, wandelbares Chamäleon unzweifelhaft eine Attraktion des Films ist, bleibt auch diese nur eine kurze. Passend zu all dem Bling Bling und Blech im Mundwerk darf dieser nur ebenso oberflächlich wirkende Worthülsen abfeuern, bevor er auch schon wieder aus dem Epizentrum dieser Coming-of-Age- oder auch Emanzipationsgeschichte der jungen Debütantinnen herauskatapultiert wird. Den ganz großen Wurf wie Oliver Stone mit „Natural Born Killers“, der ebenso auf Videoästhetik und Zitat der Populärkultur setzte, erntet Harmony Korine damit nicht. Zu unausgegoren, zu verworren, zu nichtssagend sein Anliegen. Wo Stone die Popkultur zitierte, um dem Zuschauer seine Komplizenschaft mit ästhetisierter Gewalt vor Augen zu führen, verpufft eine solche kritische Ebene unter der Oberfläche der schönen Menschen, die man hier eben nur einmal nur in ungewohnter Rolle sieht. Lebte „Kids“ insbesondere auch von der Authentizität von schauspielerischen Laien ist hier der Rollenbruch das Problem dieser hübsch anzusehenden Stars aus der Retorte, der als solcher und damit als inhaltslose Pose durchschaubar bleibt.