№ 6

„Drecksau“
Das große Finale: ein letzter Exzess

That‘s all Folks! Erst wenn der quietschbunte Abspann über die Leinwand läuft, eine Verballhornung der Cartoon-Serie „Porky Pig“, fügt sich das rasante Erzähltempo dieser Irvine Welsh-Verfilmung zu einem Ganzen. „Filth“, wie in der deutschen Übersetzung des Romans auch „Drecksau“, mutet dem Publikum bis dahin so einiges zu. Eine Mischung aus verrohtem Sex, Drogen und Gewalt nicht unähnlich der von „Trainspotting“, jener 17 Jahre vorausliegenden Adaption eines Welsh-Stoffs, an die man unweigerlich zurückdenkt. Mit diesem teilt „Filth“ den Schauplatz, das schottische Edinburgh, nicht jedoch das Milieu. War es in Danny Boyles Verfilmung noch eins von Fixern, von gesellschaftlich Unangepassten oder Komplett-Ausgestiegenen, so wechseln wir hier scheinbar zunächst in ein zutiefst bürgerliches Milieu – und auf die Seite des Gesetzes. Und erlebten wir dort den augenzwinkernd-schelmenhaften Aufstieg eines dieser misfits zu deren vermeintlichen Verlockungen, so gerät „Filth“ zu einer konsequenten Reise in deren Finsternis. Ein Abstieg, ein grenzenloser Fall, dessen Handlungsstränge aber erst am Ende zusammenlaufen, wo unter all dem Schmutz, dem groteskverzerrten Schweinkram und all der Sauerei dann doch noch kurz so etwas wie Moral aufblitzt. Bevor das Leben dann seine ganz eigene Pointe daruntersetzt.
Den Beobachter desselben belohnt der Film dafür mit einem erhabensten Aha-Momente seit David Finchers „Fight Club“ oder Christopher Nolans „Memento“. Doch zurück zum Anfang: Wie Nolans Film gebärdet sich Jon S. Bairds Debüt zunächst als eine ganz profane Kriminalgeschichte: Der Mord an einem asiatischen Austauschstudenten liefert den Rahmen der weiteren knapp neunzig Minuten des Films. Deren Protagonist wird nun aber keineswegs ein stahlender Held sein, sondern beauftragt diesen aufzuklären ist der Edinburgher Polizist Bruce Robertson. Sieht man auf die kaum wahrnehmbare Distanz zu seiner Frau ab: Ein Mann ohne offenkundige Verwundungen. Aber mit Talent, die der anderen auszunutzen, einem Talent zur Manipulation und, wie es zunehmend scheint, auch ohne Skrupel. Bietet diese Ermittlung doch die Chance zu dessen beruflichen Aufstieg und der damit erhofften Annäherung zu seiner Frau. Ein Aufstieg, für den Robertson weder davor zurückschreckt, Kollegen auszustechen, bloßzustellen, zu drangsalieren oder selbst Freundschaften zu korrumpieren. Dass es sich bei dem episodenhaften Bilderreigen nicht nur um einen irren Spaß handelt, wird dann zunehmend klar, wenn sich surreale Sequenzen in die Bilderflut mischen und Auskunft über den Bewusstseinszustand des unter dem Einfluss von Medikamenten, Alkohol und Drogen Stehenden geben. Oder uns – abgehoben von dessen Alltagswelt und nur da – immer wieder in burlesken Szenen dessen Frau anspricht.
Hier begegnet uns keiner von einem zweifelhaften Ruf, sondern ein gebrochener Mann. Dessen Zerstörungswut, die vor dem eigenen Selbst nicht Halt machen wird, man so James McAvoy, der im Vergleich mit Patrick Stewart zuletzt etwas allzu jungpennälerhaft den Professor Charles Xavier in der „X-Men“-Reihe gab, so gar nicht zutraute.


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