№ 19

Die Grenzen journalistischer Objektivität

 

NB. Nach längerer Funkstille habe ich mich entschlossen, an dieser Stelle auch mehr meine Arbeit zu begleiten. Einerseits weil sie Zeit frisst und mir das Nachdenken beim Selbstverorten hilft, andererseits schadet es auch nicht, das Gelernte, Aufgefallene, Zugetragene oder zufällig Mitgenommene noch weiter zu tragen, um es zu verfestigen oder zu besprechen.

 

 

Nichts steht für immer fest

Etwas hat sich verschoben oder besser, es wurde aufgekündigt, was lange Zeit stillschweigende Übereinkunft in der bundesrepublikanischen Nachkriegspresse war: Möglichst ausgewogen, nüchtern und sachlich zu berichten und die Meinungsbildung und Wertung entweder dem Leser selbst zu überlassen oder in den Kommentarteil zu verschieben. Das verstanden viele Journalisten, aber auch ihre Leser unter einer objektiven Berichterstattung. Ein Begriff, der sie klar von Tendenzliteratur oder Propagandaschriften trennen sollte und der etwas vorgaukelt, was es, genau besehen, nicht geben kann.
„Es gibt keine objektiven Werte“, ich schließe mich John Leslie Mackies Argumentation (aus dem Jahr 1977 in: Ethics: Inventing Right and Wrong) an. In einer Randbemerkung deutet dieser an, das, was er explizit für die Moral skizziert, auch für ästhetische Werturteile gelten dürfte. Es gibt keine festen objektiven Maßstäbe, die von vornherein und für immer feststehen, was als gut oder schlecht zu gelten hat. Das seien spezifisch menschliche Erfindungen, mitunter lange tradiert, aber im Kern Konventionen. Das ist die eine Hinsicht, in der ich Objektivität bestreite. Das heißt nicht, dass es nicht Wahrheit(en) gibt, über die sich etwas aussagen lässt, manchmal sehr genau und an denen sich nicht rütteln lässt. Aber ist das auch Objektivität?

Eine Frage des Standpunkts

Objektivität ist nicht einfachhin gleichzusetzen mit der Wahrheit einer Aussage. Sie beschreibt vielmehr – und das ist die andere Hinsicht, die ich betrachte – einen Standort, von dem aus etwas ausgesagt wird. Das kann der eines unbeteiligten Beobachters oder eines direkt Beteiligten sein. Objektiv ist in dem Falle jemand, der von seinem eigenen Standpunkt absehen und vollkommen neutral berichten kann. Die Crux ist, so denn das überhaupt möglich ist, dann ist das ein bloßes Ideal, dem ich mich immer nur annähern kann: Ich kann einen überpersonellen Standpunkt annehmen, und kann es doch nicht. Ich komme einfach nicht aus meiner Haut. Der (erkenntnistheoretische) privilegierte Zugang zu uns selbst hat die unangenehme Konsequenz, dass ich zur Hölle nicht weiß, was in den Anderen vorgeht oder wie diese Welt wahrnehmen. Außer sie teilen es mir mit. Aber sagen sie mir dann auch die Wahrheit und verstehe ich sie richtig? Insofern wird jede Bewertung von etwas Wahrgenommenen ein subjektives Element haben.
„The View From Nowhere“ oder einen „Standpunkt des Universums“, wie sie in der Philosophie diskutiert werden, gibt es nicht. Was sollte das auch sein? Das wäre eine blutleere, unglaublich anmaßende Perspektive. Die eines Größenwahnsinnigen oder eben Kleinbürgers, der sich und seine Sicht in den Mittelpunkt der Welt stellt. Egal, wie neutral ich mich verhalte, in den Augen eines anderen kann gerade dies nicht als „objektiv“ gelten. Ein Beispiel: Ich nenne die Nationalität eines Täters nicht, weil sie für das Verständnis einer Tat keine Rolle spielt. Gerade das bringt mich in Misskredit bei einem Alltagsrassisten, der seine Vorurteile und Ängste bestätigt sehen will. Plötzlich bin ich „Gutmensch“, mir würde vorgeschrieben, was ich schreiben darf und was nicht, ich bin eine linksgrünversiffte Journaille, die doch auch irgendwie der CDU untersteht.

Mangelnde Objektivität: Ein Scheinargument, das nach Aufmerksamkeit schreit

Objektivität begegne ich als Journalist eher im Vorwurf eines Teils der Bevölkerung, der meint, „der Presse“ fehle es an dieser. „Lügenpresse“, „Staatsmedien“, „Fake News“ skandieren diese Menschen, weil sie der Meinung sind, ihre Wahrnehmung finde in der Zeitung oder anderen Medien keine oder zu wenig Beachtung.
Wie soll ich damit umgehen? Kurz, wie mit allem: Prüfen, abwiegen und differenzieren, manchmal die Dinge genau benennen, manchmal sich aber auch auf keine (Schein-)Diskussion einlassen.
Natürlich kann ich mich, wie zuletzt in Chemnitz, lang und breit auslassen, ob eine „Hetzjagd“ der angemessene Begriff ist, um zu beschreiben, was dort passiert ist: Der gezielte Angriff auf Menschen aus einer vorgeblichen Demonstration heraus, bloß weil diese eine andere Herkunft haben könnten. Aber ist Letzteres nicht der Kern der Nachricht? Natürlich kann ich erklären, warum ich diesen Begriff nicht verwende und dabei zurückgehen zu dessen Ursprung in der Jagd. Oder ich spare mir diesen unnötigen Schritt und gucke einfach mal in einen Duden. Der unterscheidet den Jagdbegriff und die Übertragung in die Alltagssprache bereits sogar so weit, dass neben dem „Verfolgen von Menschen (abwertend gebraucht)“, „Hetzjagd“ bloß mit großer Eile verbunden sein kann. Und dann weiß ich, dass hier nicht das konkrete Bild des zu Tode gehetzten Tieres gemeint sein kann, sondern der Begriff in seiner metaphorischen Übertragung. Das, was es auf den Bildern ins Netz geschafft hat. Jeder, der die gesehen hat, weiß, was gemeint ist. Den metaphorischen Gebrauch abzulehnen, weil der (= die anderen Medien) ja dramatisiere(n), ist bloße Wortklauberei. Es schafft leider keine weitere Differenzierung, sondern hat den unschönen Effekt zu bagatellisieren. „War ja doch alles gar nicht so schlimm.“ Das gibt vielleicht Applaus in Chemnitz, aus den Reihen des Verfassungsschutzes oder von wo auch immer der Pulk angereist war, aber geht am Problem vorbei.
Der Vorwurf, nicht „objektiv“ zu berichten, greift einen Journalisten in seiner ethischen Haltung an. Im Gegensatz zu vielen anderen Berufen hat er eine solche. Ethische Grundsätze, die sogar explizit ausformuliert wurden. Als jemand, der sich schon sehr lange mit Ethik beschäftigt, glaube ich zwar, dass es diese nicht bräuchte, weil es für mich zum Menschsein dazu gehört, sich eine solche Ethik zu geben und diese auch offen zu halten und gegebenenfalls anzupassen; aber es zeigt, dass Journalisten sich durchaus ihrer Verantwortung bewusst sind.

Es gibt keinen Anspruch, einen Standpunkt übernehmen zu müssen

Der Pressekodex des Deutschen Presserats spricht in diesem Zusammenhang übrigens nicht von Objektivität, sondern Wahrhaftigkeit und umschifft diese Klippe damit geschickt. Zur Berufsethik der Presse gehöre es, Informationen mit der „den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben“, heißt es dort. Wahrheitsgetreu wäre dann eine rein deskriptive Beschreibung, eine Interpretation und Einordnung, die sich mancher Leser wünscht, entfiele dann auf den Kommentarteil. Auf konkurrierende Standpunkte geht der Kodex nur insofern ein, das bei der Wahlkampfberichterstattung weiterhin gelte: „Zur wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit gehört, dass die Presse […] auch über Auffassungen berichtet, die sie selbst nicht teilt.“
Darin steckt der Casus knacksus, warum es eine objektivierende Berichterstattung vielleicht geben kann, eine rein objektive aber nicht: Gerade bei widerstreitenden Meinungen, die von ihrem Standpunkt ein Geschehen bewerten, kann ich mich noch so anstrengen: Selbst wenn ich noch so ausgewogen berichte und alle zu Wort kommen lasse, „objektiv“ werden das gerade die nicht nennen, deren Standpunkt ich nicht hundertprozentig treffe. Und die wird es immer geben: Ich bin ja auch nur ein Mensch, der einen Blickwinkel hat, diesen für die Recherche zwar weitet, aber sich auch eine Meinung dabei gebildet hat. Ich berichte dennoch auch über sie, aber lasse mich auch nicht instrumentalisieren. Denn weil ich weiß, dass mein eigener Standpunkt mit in einen Text – so wertfrei er formuliert ist – miteinfließen wird, achte ich auf diese Gewichtung. Weil ich damit rechnen muss, dass dieser Vorwurf kommt. Objektivität begegnet einen in der Praxis nur als negativer Begriff: wenn es an ihr mangele.

Anschreiben gegen mangelndes Vertrauen

Das Vertrauensproblem, das „die Medien“ haben, ist meines Erachtens genau daraus erwachsen: Dass es einige Medien und Publizisten gibt, die das, was wie oben beschrieben bisher stille Übereinkunft war, aufgekündigt haben und unverhohlen einseitig berichten. Die Meinungen (vor)geben und gezielt lenken. Alternative Nachrichtenportale und Verlage, die ein gutes Geschäft daraus machen, dass mancher Mensch sich in seinen Vorurteilen gern bestätigt sieht. Verstärkt wird dieses Phänomen noch die durch die Algorithmen sozialer Netzwerke, die mir diese Angebote in meiner Filterblase immer und immer wieder vorsetzen. So gewinne ich den Eindruck, dass mein subjektives Empfinden von Vielen geteilt werde – ohne dass ich mich noch hinterfragen muss. Programmierer von Algorithmen wissen, dass Menschen Anerkennung suchen, als Gleiche geachtet werden wollen und sich zur Not dafür von vermeintlich Fremden zusammen abgrenzen. Dabei ist diese Gleichheit nur eine vorgebliche. Die sich da in Gruppen zusammenschließen, haben genauso nur ihre je eigenen, subjektiven Standpunkte.
Ich glaube nicht, dass die Antwort auf rechte Umtriebe Gegenpropaganda sein kann. Das verlässt die journalistische Arbeit und greift in die Sphäre des Politischen. Auch wenn es schmerzt, einen Teil der Leser zu verlieren oder von diesem gar angefeindet zu werden – es gibt auch die anderen. Die eine freie Berichterstattung schätzen und keine Fremdsteuerung dahinter sehen, wenn sie ein Text nicht vornehmlich bestätigt, sondern ihnen Informationen an die Hand gibt, ihr Denken zu erweitern. Auch wenn dazu dann gehört, sich vielleicht selbst in Frage zu stellen. Das ist es auch, was ich am Journalistenberuf schätze: die Irritation, andere Standpunkte kennenzulernen. Wenn ich eine Geschichten schon vorab im Kopf hätte, könnte ich aufhören, dann bräuchte ich das Redaktionshaus nicht mehr zu verlassen.


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